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DVGW W270

Definition und Zweck von DVGW W 270

DVGW W 270 ist ein technisches Arbeitsblatt des DVGW (Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches). Es beschreibt ein standardisiertes Prüfverfahren, mit dem bewertet wird, ob ein Werkstoff im Kontakt mit Trinkwasser die Vermehrung von Mikroorganismen auf seiner Oberfläche fördert. Diese Eigenschaft wird oft als Biofilmneigung bezeichnet. Ein Biofilm ist ein Belag aus Mikroorganismen und ihren Stoffwechselprodukten, der sich auf Oberflächen in wässriger Umgebung bilden kann.


Der Zweck der Prüfung ist hygienisch: Materialien in Trinkwasserinstallationen sollen die Bildung solcher Beläge möglichst wenig begünstigen. Relevant ist das besonders für Werkstoffe, die organische Bestandteile enthalten oder aus organischen Polymeren bestehen, weil diese unter bestimmten Bedingungen ein besseres „Anhaftungs-“ oder „Nährstoffumfeld“ für Mikroorganismen schaffen können. In der Praxis betrifft das häufig Kunststoffe, Elastomere (gummiartige Werkstoffe, z. B. Dichtungen) sowie Beschichtungen und Verbundwerkstoffe.

Im Markt ist die Ausgabe 11/2007 weit verbreitet; sie wurde nach gängiger Darstellung inhaltlich überprüft und 09/2023 bestätigt.

Anwendungsbereich: Werkstoff, Bauteil, Produkt

In vielen Fällen wird DVGW W 270 als Werkstoffprüfung durchgeführt. Dann werden genormte Probekörper oder definierte Materialproben geprüft, um das Grundverhalten eines Materials zu bewerten.

Manchmal reicht das nicht aus, weil ein reales Bauteil weitere Einflüsse mitbringt, etwa durch Schichtaufbau, Fertigungsrückstände oder besondere Innengeometrien. Dann kann eine Produktprüfung sinnvoll oder erforderlich sein, damit die tatsächlich trinkwasserberührte Oberfläche realistisch erfasst wird.

Prüfgegenstand Was wird abgebildet? Wann praxisnah?
Werkstoffprobe Materialgrundverhalten (Formulierung/Matrix) Oft geeignet für homogene Materialien
Produkt/Bauteil Oberfläche, Schichten, Geometrie, Fertigungszustand Häufig bei Mehrschichtsystemen oder komplexer Innengeometrie

Was wird geprüft und wie ist das Bewertungsprinzip?

Geprüft wird, wie stark sich Mikroorganismen auf der Oberfläche eines Materials unter praxisnahen Bedingungen vermehren. Die Prüfung zielt damit auf die Oberflächenbesiedlung ab, also auf den Aufbau von Biomasse auf dem Werkstoff. Üblicherweise erfolgt die Bewertung als Vergleich mit einem als unkritisch geltenden Referenzmaterial; in erläuternden Darstellungen wird dafür oft Edelstahl genannt. Entscheidend ist das relative Verhalten: Ein Material soll im Vergleich zum Referenzniveau keine deutlich erhöhte Biofilmneigung zeigen.

In Praxisbeschreibungen wird häufig ungechlortes Trinkwasser genannt, um die Situation in Installationen ohne dauerhafte Desinfektionswirkung abzubilden. Ebenso wird oft eine mehrmonatige Prüfdauer erwähnt, weil Biofilmbildung ein zeitabhängiger Prozess ist. Die konkreten Randbedingungen, Messgrößen und Grenzkriterien sind im Originalregelwerk festgelegt und sollten für eine belastbare Bewertung immer direkt herangezogen werden.

Abgrenzung: Oberflächenbesiedlung vs. Stoffabgabe

DVGW W 270 behandelt vorrangig die mikrobiologische Besiedlung der Oberfläche. Es geht dabei nicht primär um den Nachweis spezifischer Krankheitserreger, sondern um die grundsätzliche Neigung eines Materials, mikrobielles Wachstum zu fördern.

Andere hygienisch relevante Themen liegen daneben und werden in separaten Regelwerken betrachtet. Dazu gehören vor allem:

  • Stoffabgabe (Migration): Übergang von chemischen Bestandteilen aus dem Material ins Wasser.
  • Sensorik: Änderungen von Geruch und Geschmack.

Diese Eigenschaften können für Trinkwasserprodukte genauso wichtig sein, sie sind jedoch nicht der Kern von W 270.

Einordnung zu KTW-BWGL, UBA-Vorgaben und weiteren Prüfanforderungen

Im Trinkwasser-Kontext wird DVGW W 270 häufig zusammen mit Anforderungen zur stofflichen Eignung betrachtet. In Deutschland spielt hier die KTW-BWGL (Bewertungsgrundlage für Kunststoffe und andere organische Materialien im Kontakt mit Trinkwasser) eine zentrale Rolle. Während W 270 die mikrobiologische Oberflächenneigung adressiert, bewertet die KTW-BWGL vor allem chemische Aspekte wie Migration und teilweise auch sensorische Effekte.

Bis zur vollständigen EU-weiten Harmonisierung werden in Deutschland zudem Vorgaben und Bewertungsgrundlagen des UBA (Umweltbundesamt) im Rahmen der Trinkwasserregulierung herangezogen. In der Praxis ist der Abgleich mit Positivlisten üblich. Positivlisten legen fest, welche Ausgangsstoffe oder Werkstoffbestandteile unter definierten Bedingungen verwendet werden dürfen.

Welche Nachweise typischerweise zusammengeführt werden

Für Hersteller und Anwender ergibt sich meist ein Paket aus mehreren Nachweisen, weil Trinkwasserhygiene aus mehreren Dimensionen besteht. Häufig werden deshalb folgende Bausteine zusammen betrachtet:

Nachweisart Zielgröße Typischer Nutzen in der Praxis
DVGW W 270 Biofilmneigung (mikrobiologische Oberflächenbesiedlung) Einschätzung des mikrobiologischen Oberflächenverhaltens
KTW-BWGL / UBA-Bewertungsgrundlagen Migration, stoffliche Eignung, teils Sensorik Chemische Hygiene und Materialkonformität
Positivlisten-Abgleich Zulässigkeit von Inhaltsstoffen Absicherung der Rezeptur-/Stoffauswahl

Praxis in der Dichtungs- und Schlauchtechnik: Werkstoffe, Rezeptur und Dokumentation

In der Dichtungstechnik ist DVGW W 270 besonders relevant, weil viele Dichtungswerkstoffe organisch sind und direkt mit Trinkwasser in Kontakt kommen. Typische Anwendungen sind O‑Ringe, Flachdichtungen, Membranen und Dichtlippen, ebenso Innenlagen von Schläuchen oder beschichtete Komponenten. Auch Verbunde, bei denen mehrere Materialklassen zusammenwirken, können betroffen sein.

Die Rezeptur (Formulierung) eines Elastomers oder Kunststoffs beeinflusst das Verhalten im Kontakt mit Wasser. Dazu zählen Füllstoffe, Weichmacher, Additive, Stabilisatoren und Vernetzer. Schon kleine Änderungen können die Oberfläche, Auslaugprozesse oder die Anhaftungseigenschaften verändern und damit indirekt auch die Biofilmneigung beeinflussen. Deshalb ist es in Lieferketten für Trinkwasseranwendungen üblich, Rezepturstände sauber zu definieren und Änderungen streng zu kontrollieren.

Bei der Dokumentation werden häufig mehrere Ebenen erwartet: ein Prüfbericht bzw. Prüfzeugnis zur W‑270‑Bewertung, ein Abgleich mit Positivlisten sowie Informationen zur Rezeptur. Rezepturoffenlegungen erfolgen in der Praxis oft unter Geheimhaltungsvereinbarung (NDA), weil die Formulierung einen wesentlichen Teil des Know-hows darstellt.

Wann ist eine Produktprüfung sinnvoll (z. B. Mehrschichtsysteme)

Eine Produktprüfung ist besonders dann sinnvoll, wenn die trinkwasserberührte Oberfläche nicht durch einen einzelnen homogenen Werkstoff beschrieben werden kann. Das ist häufig der Fall bei Mehrschichtschläuchen, Beschichtungen, Co-Extrusionen oder wenn Kleb- und Haftvermittlerschichten beteiligt sind. Auch die Geometrie kann relevant werden, weil sie Strömung, Ablagerungen und damit die lokale Biofilmbildung beeinflusst.

Wenn unklar ist, ob eine Werkstoffprüfung genügt oder ein Systemnachweis erforderlich ist, lohnt sich eine frühe Abstimmung mit Prüfstelle und Qualitätsmanagement. Spezialisierte Beratung kann dabei helfen, Prüfaufwand und Nachweisstrategie zielgerichtet zu planen.

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