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    Definition und Einordnung als technischer Kunststoff

    POM (Polyoxymethylen), auch Polyacetal genannt, ist ein thermoplastischer technischer Kunststoff. Thermoplastisch bedeutet, dass sich das Material beim Erwärmen verformen lässt und beim Abkühlen wieder erstarrt. POM ist teilkristallin, es besitzt also geordnete (kristalline) und ungeordnete (amorphe) Bereiche im Gefüge.


    Diese teilkristalline Struktur erklärt die typische Eigenschaftskombination: hohe Steifigkeit und Formfestigkeit, niedrige Reibung, gute Verschleißfestigkeit, sehr gute Maßhaltigkeit und geringe Wasseraufnahme. In der Dichtungstechnik ist genau diese Kombination relevant, weil Bauteile oft eng toleriert sind und über viele Zyklen gleiten.

    Relevante Werkstoffeigenschaften für Dichtungs- und Führungselemente

    In Hydraulik und Pneumatik stellt sich meist die Frage, wofür POM im Dichtungssystem genutzt wird. POM wird häufig dann gewählt, wenn ein Bauteil führen, abstützen oder gleiten soll und dabei seine Geometrie zuverlässig behalten muss. Die geringe Wasseraufnahme hilft, weil Abmessungen in feuchter Umgebung oder bei Kondensat vergleichsweise stabil bleiben.

    Wichtig ist auch die Kriechneigung. Kriechen ist eine zeitabhängige Verformung unter Dauerlast. In Stütz- und Führungselementen kann Kriechen das Spaltmaß verändern und damit Reibung, Führungsspiel oder die Stützwirkung verschlechtern. POM zeigt hier oft eine vergleichsweise geringe Kriechneigung, was die Funktion über die Zeit stabilisiert.

    Für die Einordnung in der Dichtungstechnik gilt: POM ist typischerweise ein hartes Konstruktionsmaterial. Es übernimmt in vielen Fällen nicht die eigentliche Abdichtung gegen das Medium, sondern unterstützt das Dichtsystem mechanisch.

    Reibung und Verschleiß (Tribologie)

    Tribologie beschreibt Reibung, Verschleiß und Schmierung zwischen sich bewegenden Kontaktpartnern. POM wird in dynamischen Anwendungen häufig eingesetzt, weil es niedrige Reibung und gute Verschleißfestigkeit bieten kann. Das senkt oft die Reibkräfte und unterstützt eine gleichmäßige Bewegung, etwa bei Kolben- oder Stangenführungen.

    In der Auslegung sollte man jedoch immer mitdenken, wovon das Reib- und Verschleißverhalten abhängt: Gegenwerkstoff (z. B. Stahl), Oberflächenrauheit, Schmierung, Geschwindigkeit und Last bestimmen das Ergebnis stark. In vielen Systemen lässt sich POM gut mit metallischen Gleitpartnern kombinieren, dennoch bleibt die tribologische Bewertung eine Systemfrage.

    Maßhaltigkeit, Wasseraufnahme und Kriechen

    Maßhaltigkeit wird in Dichtsystemen unmittelbar spürbar, weil schon kleine Geometrieänderungen Dichtspalte und Kontaktbedingungen beeinflussen. POM nimmt im Vergleich zu vielen anderen Polymeren oft wenig Wasser auf. Das reduziert dimensionsbedingte Streuung, etwa durch Feuchte oder Kondensat.

    Kriechen wird vor allem dann kritisch, wenn POM als Stützelement unter anhaltender Belastung arbeitet. Bleibt die Verformung klein, bleibt auch die Stützwirkung erhalten. Deshalb ist POM für viele Führungs- und Stützanwendungen attraktiv, solange Last, Temperatur und Zeit im zulässigen Bereich liegen.

    Typische Anwendungen in Hydraulik und Pneumatik

    In der Praxis stellt sich meist die Frage, wo POM im Dichtaufbau sitzt. Häufig ergänzt es ein weiches Dichtelement (z. B. Elastomer) und übernimmt eine mechanische Nebenfunktion. Ein typischer Aufbau ist: Das weiche Material dichtet, POM stützt oder führt und beeinflusst Reibung und Verschleiß positiv.

    Übliche Bauteile sind Führungsringe, Gleitringe und Stützringe. Diese Teile helfen, Seitenkräfte aufzunehmen, Metallkontakt zu vermeiden und die Bewegung zu stabilisieren. Gerade bei dynamischen Zylindern kann das die Lebensdauer des Gesamtsystems erhöhen, weil Dichtkanten und Gegenlaufflächen weniger belastet werden.

    Stützring (Anti-Extrusionsring) gegen Spaltextrusion

    Eine Kernanwendung ist der Stützring (auch Anti-Extrusionsring oder Back-up Ring). Er adressiert das Problem der Spaltextrusion: Unter Druck kann ein weiches Dichtmaterial in einen vorhandenen Spalt gedrückt werden. Dieser Spalt liegt zum Beispiel zwischen Kolben und Zylinderrohr oder zwischen Stange und Führung. Wird die Dichtung in den Spalt gepresst, kann sie abscheren oder dauerhaft beschädigt werden.

    Ein POM-Stützring wirkt hier als druckfester, spaltüberbrückender Partner. Er reduziert die Extrusionsneigung, weil er den Spalt mechanisch „abdeckt“ und so die weiche Dichtung entlastet. Das ist besonders relevant, wenn hoher Druck, größere Spaltmaße oder dynamische Lastwechsel auftreten.

    Variantenwahl, Medienbeständigkeit und Grenzen (inkl. Sicherheit)

    Für die Materialauswahl ist entscheidend, welche POM-Variante eingesetzt wird und welche Medien sowie Temperaturen tatsächlich anliegen. POM wird grob in POM-H (Homopolymer) und POM-C (Copolymer) eingeteilt. Als Faustregel wird POM-H oft als etwas steifer und fester beschrieben, während POM-C häufig als robuster gegenüber thermischen und chemischen Einflüssen gilt. In der Dichtungstechnik sollte diese Einordnung aber nur als Startpunkt dienen, weil die tatsächlichen Kennwerte stark vom Typ und Hersteller abhängen.

    Zur Medienbeständigkeit gilt: POM ist in vielen Anwendungen häufig verträglich mit Ölen, Kraftstoffen und bestimmten Hydraulikmedien, doch die Eignung hängt deutlich von Fluidklasse, Additiven und Temperatur ab. Eine pauschale Freigabe ist deshalb riskant. Auch der Temperatureinsatz ist typabhängig; in der Dichtungspraxis wird oft ein grober Bereich von ca. 40/50°C bis +100/+120°C genannt. Oberhalb davon nehmen mechanische Kennwerte und Langzeitstabilität typischerweise ab.

    Zur schnellen Orientierung hilft oft der Blick auf wenige Datenblattpunkte:

    Auswahlkriterium Warum es in der Dichtungstechnik zählt Typischer Bezug
    E-Modul / Steifigkeit beeinflusst Führung und Spaltüberbrückung Führungs- und Stützringe
    Kriechverhalten bestimmt, ob die Stützwirkung über Zeit bleibt Dauerlast, Druckhaltezeiten
    Wasseraufnahme beeinflusst Maßhaltigkeit und Toleranzen Feuchte, Kondensat
    Dauergebrauchstemperatur beeinflusst Festigkeit und Verschleiß Warmöl, hohe Taktung
    Medienbeständigkeit verhindert Quellung, Versprödung oder Abbau Öl, Additive, Reinigungsmedien

    POM-H vs. POM-C: Auswahlprinzip

    In der Praxis beginnt die Auswahl oft mit der Frage, ob höhere Steifigkeit oder höhere Robustheit gegenüber Temperatur und Medien wichtiger ist. POM-H wird häufig gewählt, wenn hohe Steifigkeit im Vordergrund steht. POM-C wird häufig gewählt, wenn thermische und chemische Randbedingungen kritischer sind.

    Am Ende entscheidet jedoch der Datenblattvergleich für den konkreten Lastfall. Relevante Kennwerte sind unter anderem E-Modul, Zugfestigkeit, Wärmeformbeständigkeit, Wasseraufnahme und die zulässige Dauergebrauchstemperatur. Bei dynamischen Anwendungen lohnt sich zusätzlich ein Blick auf tribologische Prüfwerte, sofern sie für den passenden Gegenwerkstoff vorliegen.

    Medien- und Temperaturgrenzen sowie Sicherheit

    Die häufigste Fehlannahme ist, Medienverträglichkeit als fixe Eigenschaft zu behandeln. Tatsächlich wirken Temperatur, Additive und Einwirkzeit zusammen, weshalb Tests oder Freigaben oft medien- und typgebunden sind. Steigt die Temperatur, sinken meist Festigkeit und Verschleißreserve, und die Sicherheit gegen Kriechen wird kleiner.

    Sicherheitsrelevant ist außerdem die thermische Belastung: Bei Überhitzung oder thermischer Zersetzung kann POM Formaldehyd freisetzen. Das betrifft vor allem Störfälle in Betrieb oder Verarbeitung. Deshalb sollten thermische Grenzen eingehalten und geeignete Maßnahmen in Konstruktion und Arbeitsschutz berücksichtigt werden.

    Ein kurzer Hinweis zum Schluss: Bei kritischen Medien, hohen Drücken oder engen Spaltmaßen ist eine datenblatt- und anwendungsbasierte Fachberatung sinnvoll, weil kleine Randbedingungsänderungen die Bauteilfunktion deutlich beeinflussen können.

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