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NBR

Definition: Was ist NBR?

NBR steht für Nitril-Butadien-Kautschuk (engl. Nitrile Butadiene Rubber). Es handelt sich um einen synthetischen Elastomer-Werkstoff. Elastomere sind gummiartige Materialien, die sich unter Last verformen und danach weitgehend wieder in ihre Ausgangsform zurückstellen. Genau diese Rückstellfähigkeit ist für viele Dichtaufgaben entscheidend, weil sie Kontaktpressung an der Dichtstelle aufrechterhält.


NBR ist ein Copolymer aus Acrylnitril (ACN) und Butadien. Ein Copolymer besteht aus zwei unterschiedlichen Bausteinen, die in einer gemeinsamen Kettenstruktur verbunden sind. In der Dichtungstechnik wird NBR sehr häufig eingesetzt, weil es in vielen Anwendungen beständig gegenüber Mineralölen, Schmierölen, Fetten und zahlreichen kraftstoffähnlichen Kohlenwasserstoffen ist. Damit passt NBR besonders gut zu klassischen Hydraulik- und Schmierstoffumgebungen.

Aufbau und wesentliche Materialeigenschaften

NBR kombiniert zwei Bausteine mit klarer Wirkung: Butadien liefert elastische Eigenschaften, Acrylnitril (ACN) erhöht die Wechselwirkung mit unpolaren, öligen Medien und verbessert damit oft die Öl- und Kraftstoffbeständigkeit. Welche Eigenschaften ein NBR-Dichtwerkstoff im Betrieb tatsächlich zeigt, hängt jedoch nicht nur vom Polymer ab, sondern stark von der Rezeptur.

In der Praxis spricht man deshalb fast immer vom Compound. Ein Compound ist die konkrete Gummimischung aus Basiselastomer plus weiteren Bestandteilen wie Füllstoffen, Weichmachern und einem Vernetzungssystem. Die Vernetzung (chemische „Brücken“ zwischen Polymerketten) bestimmt unter anderem, wie gut der Werkstoff bei Temperatur, Druck und Bewegung formstabil bleibt. Für Dichtungen ist diese Kopplung aus Rückstellvermögen, mechanischer Festigkeit und Medienbeständigkeit zentral, weil statische und dynamische Dichtstellen jeweils andere Lastprofile erzeugen.

Einfluss des ACN-Gehalts

Der ACN-Gehalt ist eine der wichtigsten Stellgrößen bei NBR. Er beeinflusst das Verhältnis zwischen Medienbeständigkeit und Tieftemperaturverhalten.

ACN-Anteil im NBR Wirkung auf Öl-/Kraftstoffbeständigkeit Wirkung auf Kälteflexibilität
höher meist besser häufig schlechter
niedriger oft schwächer meist besser

Für die Dichtungsauswahl bedeutet das: Wenn ein Dichtsystem vor allem in öligen Medien arbeitet, wird häufig ein NBR mit passender ACN-Auslegung gewählt. Wenn die Dichtung bei tiefen Temperaturen flexibel bleiben muss, wird der Zielkonflikt stärker und die Auswahl wird compound- und anwendungsgetrieben.

Compound statt nur Materialname

Die Kurzbezeichnung „NBR“ beschreibt nur die Werkstofffamilie. Ob eine Dichtung bei einem konkreten Medium und Temperaturprofil zuverlässig funktioniert, entscheidet die Freigabe des konkreten Compounds. Das gilt besonders, wenn mehrere Einflüsse gleichzeitig auftreten, etwa Temperaturwechsel, Druckspitzen und dauerhafte Medienexposition. Temperaturbereich und Medienliste sollten deshalb aus dem Datenblatt der Mischung abgeleitet werden, nicht aus einer allgemeinen NBR-Zuordnung.

Einsatz in der Dichtungstechnik: Medien, Temperatur, Bauteile

NBR ist in Hydraulik und Pneumatik verbreitet, weil es häufig einen guten Kompromiss aus Beständigkeit, mechanischer Belastbarkeit und Kosten bietet. In vielen Anlagen stellt sich die Frage „Womit kommt die Dichtung in Kontakt?“ sehr früh. Wenn Mineralöl-basierte Hydrauliköle, Schmieröle oder Fette dominieren, ist NBR oft ein naheliegender Kandidat.

Der Temperaturbereich wird in der Praxis häufig mit ca. 30°C bis +100°C als Richtwert beschrieben. Diese Angabe ist bewusst grob, weil Medium, Druck, Bewegungsart und Vernetzung den realen Einsatzbereich merklich verschieben können. Für eine belastbare Auslegung zählt daher die Kombination aus Temperatur und Medium und Zeit, also auch Alterung und Extraktion von Mischungsbestandteilen.

Typische NBR-Dichtbauteile

  • O-Ringe (statisch und dynamisch, je nach Einbausituation),
  • Wellendichtringe (Rotationsdichtungen),
  • Abstreifer/Wischer (Schutz vor Schmutzeintrag, oft im Zylinderbereich),
  • Membranen (Trennen und Regeln von Medien, z. B. in Ventilen).

Typische Medienbeständigkeit

NBR zeigt häufig gute Beständigkeit gegenüber:

  • Mineralölen und mineralölbasierten Hydraulikölen,
  • Schmierölen und Fetten,
  • vielen kraftstoffähnlichen Kohlenwasserstoffen.

Bei Spezialhydraulikflüssigkeiten oder weniger üblichen Medien entscheidet hingegen die konkrete Rezeptur. Hier ist eine Einzelfallprüfung sinnvoll, weil Quellung, Härteänderung oder Festigkeitsverlust stark vom Compound abhängen können.

Temperaturbereich (Praxis-Richtwert)

Als Orientierung wird für NBR oft 30°C bis +100°C genannt. Diese Spanne ist kein Garant, sondern ein Startpunkt für die Bewertung. Sobald hohe Dauerwärme, starke Temperaturwechsel oder aggressive Medien hinzukommen, sollte die Auswahl über Datenblattwerte und gegebenenfalls Prüfungen abgesichert werden. In der Dichtungstechnik ist das wichtig, weil bereits moderate Abweichungen bei Temperatur und Medium die Lebensdauer deutlich beeinflussen können.

Grenzen und Abgrenzung zu HNBR

NBR hat in vielen öligen Systemen klare Vorteile, zeigt aber Schwächen bei Ozon, UV-Strahlung und Witterung. Das wird relevant, sobald Dichtungen dauerhaft im Außenbereich eingesetzt werden oder wenn ozonbelastete Umgebungen vorliegen. Auch bei bestimmten Spezialhydraulikflüssigkeiten oder polaren Lösemitteln ist NBR nicht automatisch geeignet. In solchen Fällen ist die Kompatibilität zu prüfen, weil die chemische Wechselwirkung deutlich anders ausfallen kann als bei Mineralöl.

HNBR ist die nahe Verwandtschaft: hydrierter Nitril-Butadien-Kautschuk. Durch die Hydrierung wird die Polymerstruktur stabiler, was typischerweise das Wärme- und Alterungsverhalten verbessert. Außerdem wird HNBR in vielen Anwendungen als mechanisch robuster wahrgenommen, wobei auch hier die konkrete Mischung entscheidend bleibt.

Wann HNBR statt NBR?

  • höhere Einsatztemperaturen,
  • stärkere thermische Alterung über lange Zeiten,
  • erhöhte mechanische Beanspruchung an der Dichtstelle.

Die Entscheidung fällt meist dann, wenn nicht nur eine Eigenschaft knapp wird, sondern das gesamte Lastkollektiv (Temperatur, Medium, Bewegung, Lebensdauer) mehr Reserven verlangt.

Zum Schluss gilt: Für eine sichere Werkstoffauswahl sind Datenblätter des konkreten Compounds und ggf. anwendungsspezifische Tests sinnvoll, besonders bei Spezialmedien oder kritischen Temperaturprofilen.

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