PU
Definition und Abgrenzung: Was bedeutet „PU“ in der Dichtungstechnik?
PU steht für Polyurethan. In der Dichtungstechnik meint „PU“ fast immer ein Polyurethan-Elastomer, also einen gummiähnlichen Kunststoff, der sich elastisch verformt und danach wieder zurückstellt. Der Begriff ist bewusst breit, denn Polyurethane sind eine Werkstofffamilie mit stark unterschiedlichen Rezepturen (Compounds). Deshalb ist „PU“ allein keine vollständige Materialspezifikation.
Wichtig ist die Abgrenzung zu TPU. TPU bedeutet thermoplastisches Polyurethan. Thermoplastisch heißt: Das Material lässt sich durch Erwärmen wieder erweichen und verarbeiten. Daneben gibt es Gieß-PU (häufig nicht-thermoplastisch, oft als „Gießelastomer“ bezeichnet). Diese Varianten werden typischerweise gegossen und vernetzen dabei, was die mechanischen Eigenschaften und die Verarbeitung beeinflusst.
PU, TPU, Gieß-PU: praktische Einordnung
In der Praxis fragt man bei „PU“ zuerst: Welche PU-Art ist gemeint und wie wird sie verarbeitet? Das ist relevant, weil sich daraus typische Eigenschaftsbilder ergeben, etwa bei Abrieb, Rückstellverhalten oder Temperatureinsatz.
| Bezeichnung | Was ist gemeint? | Relevanz für Dichtungen |
|---|---|---|
| PU (allgemein) | Polyurethan-Werkstofffamilie | Ohne Rezeptur keine belastbare Aussage zu Medien- oder Temperaturbeständigkeit |
| TPU | thermoplastisches Polyurethan | Gut verarbeitbar, Eigenschaften stark typabhängig; oft für Profile und Serienfertigung |
| Gieß-PU | gegossenes PU-Elastomer (häufig vernetzt) | Häufig sehr robust; oft für dynamische Dichtelemente und Abstreifer genutzt |
AU vs. EU: Bedeutung der Normkürzel
In Spezifikationen tauchen oft AU und EU auf. Diese Kürzel stammen aus der Normnomenklatur (z. B. ISO 1629) und bezeichnen Polyurethan-Kautschuke nach ihrer chemischen Basis:
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AU: polyesterbasiertes Urethan-Elastomer
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EU: polyetherbasiertes Urethan-Elastomer
Für die Dichtungstechnik ist das ein erster Hinweis, wenn es um Wasser und Hydrolyse geht. Hydrolyse bedeutet, dass Wasser chemische Bindungen im Polymer angreifen kann, was zu Versprödung, Rissen oder Festigkeitsverlust führt. Polyetherbasierte Typen (EU) gelten häufig als hydrolysebeständiger, während polyesterbasierte Typen (AU) oft sehr gute mechanische Kennwerte liefern, aber bei feucht-heißer Belastung kritischer sein können. Verbindlich ist das erst mit Daten zum konkreten Compound und passenden Tests.
Eigenschaftsprofil und Vorteile bei dynamischen Dichtungen
PU wird in vielen Fällen dort eingesetzt, wo Dichtungen dynamisch arbeiten, also bei Bewegung abdichten. Typische Beispiele sind Kolben- und Stangendichtungen in Zylindern sowie Abstreifer, die Schmutz von der Stange fernhalten. Der Grund liegt meist in der Kombination aus hoher Abriebfestigkeit und hoher mechanischer Belastbarkeit.
Ein zentrales Thema ist die Extrusionsbeständigkeit. Extrusion bedeutet hier: Unter Druck wird ein weicherer Werkstoff in einen Dichtspalt „hineingepresst“ (Spaltextrusion). PU kann diesen Effekt oft gut begrenzen, besonders bei höheren Härten und geeigneter Geometrie. Damit steigt die Standzeit in Anwendungen mit Druckspitzen oder ungünstigen Spaltmaßen.
Im Vergleich zu NBR (Nitrilkautschuk) und FKM (Fluorkautschuk) wird PU häufig gewählt, wenn Verschleiß und Spaltextrusion dominieren. NBR und FKM können je nach Medium und Temperatur Vorteile haben, doch PU ist bei dynamischer Beanspruchung oft mechanisch „zäher“. Gegenüber PTFE (Polytetrafluorethylen) ist PU meist elastischer und erreicht dadurch oft eine gute Dichtwirkung bei Verformung, während PTFE häufig bei Chemikalien- und Hochtemperaturthemen stärker ist.
Warum PU bei Hydraulik/Pneumatik-Zylindern häufig gewählt wird
In Hydraulik- und Pneumatikzylindern treten oft Hubbewegungen, Lastwechsel und Schmutzeintrag auf. Genau hier zeigt PU seine Stärken, weil die Dichtkante unter Reibung und Partikeln häufig lange stabil bleibt. Die Lebensdauer hängt dabei deutlich von Schmierung, Gleitgeschwindigkeit und der Oberflächenqualität der Gegenlauffläche ab, weil Reibung Wärme erzeugt und Alterung beschleunigen kann.
Grenzen, Risiken und typische Kennwerte (Temperatur, Härte, Medienbeständigkeit)
PU ist kein „Allround“-Werkstoff. Die Grenzen hängen stark von der Rezeptur ab, doch es gibt typische Orientierungswerte. Häufig genannte Einsatzbereiche liegen ungefähr bei −30 °C bis +100 °C…+115 °C. Es existieren Spezialformulierungen für abweichende Temperaturfenster, aber ohne Datenblatt bleibt jede Zahl eine Näherung.
Die Härte wird meist in Shore A angegeben. Sie beeinflusst Dichtwirkung, Extrusionsbeständigkeit und Reibverhalten. Härtere Compounds stützen besser gegen Spaltextrusion, können aber empfindlicher auf Gegenlauffehler reagieren. Auch die Medienbeständigkeit ist nicht pauschal: Bestimmte Öle funktionieren gut, manche Additive, Lösemittel oder aggressive Chemikalien können PU jedoch deutlich schneller altern lassen.
| Auswahlgröße | Was sie praktisch beantwortet | Warum sie bei PU wichtig ist |
|---|---|---|
| Temperaturprofil | Wie warm/kalt wird es dauerhaft und in Spitzen? | Wärme beschleunigt Alterung; Tieftemperatur beeinflusst Elastizität |
| Härte (Shore A) | Wie steif ist das Dichtelement? | Relevanz für Spaltextrusion, Dichtkante und Reibung |
| Medium + Additive | Was greift den Werkstoff chemisch an? | PU reagiert stark compoundabhängig auf Wasser, Additive, Lösemittel |
| Wasseranteil | Gibt es Hydrolyserisiko? | Hydrolyse kann mechanische Werte stark verschlechtern |
Hydrolyse und Wasser: Auswahl AU/EU und hydrolysebeständige Varianten
Sobald Wasser oder wasserbasierte Hydraulikflüssigkeiten im Spiel sind, wird Hydrolyse zur Leitfrage: Wie lange bleibt der Werkstoff unter feucht-heißer Belastung stabil? In vielen Fällen werden dann polyetherbasierte PU-Typen (EU) bevorzugt oder ausdrücklich hydrolysebeständige Compounds spezifiziert. Trotzdem entscheidet am Ende nicht das Kürzel, sondern die geprüfte Rezeptur im konkreten Medium und Temperaturfenster.
Auslegung und Validierung: Worauf bei der Materialauswahl und Prüfung zu achten ist
Eine PU-Dichtung funktioniert zuverlässig, wenn Mechanik, Medium und Thermik zusammenpassen. Mechanisch sind vor allem Druck, Spaltmaß und die Gefahr der Extrusion entscheidend. Thermisch wirken Reibung und Geschwindigkeit: Höhere Gleitgeschwindigkeiten erhöhen die Reibwärme, besonders bei schlechter Schmierung. Das kann PU schneller altern lassen, selbst wenn die Umgebungstemperatur moderat ist.
Bei der Materialfreigabe reicht eine Tabellenbeständigkeit oft nicht aus. Sinnvoll sind Kompatibilitätstests im realen Fluid, weil Additivpakete, Wasseranteile und Temperaturzyklen die Alterung stark beeinflussen. Das gilt besonders dann, wenn das Fluid nicht klar spezifiziert ist oder wenn wechselnde Betriebszustände auftreten.
Kurz-Checkliste für die Spezifikation einer PU-Dichtung
Für eine belastbare Anfrage oder Zeichnungsspezifikation sollten die folgenden Punkte benannt werden, damit die Auswahl nicht auf „PU“ als Sammelbegriff hängen bleibt:
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Medium inklusive Additive und Wasseranteil (falls relevant).
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Temperaturprofil: Dauerbetrieb, Spitzen, Start bei Kälte.
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Druckniveau und Spaltmaß (Extrusionsrisiko).
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Bewegungsart: statisch, hin- und hergehend, rotierend; dazu Geschwindigkeit.
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Schmierung und erwarteter Schmutzeintrag.
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Werkstoffangabe möglichst konkret: AU/EU, TPU/Gieß-PU, Härte (Shore A) und idealerweise Compound-/Typbezeichnung.
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Validierung: Medienlagerung, Funktionsprüfstand oder Freigabetest unter realen Bedingungen.
Am Ende ist PU ein sehr leistungsfähiger Dichtungswerkstoff, wenn die Rezeptur zum Einsatzfall passt. Bei Wasseranteil, unbekannten Medien oder hohen Reibleistungen ist eine kurze materialspezifische Prüfung oder fachliche Beratung meist sinnvoll.












