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RoHS

Definition und Geltungsbereich

RoHS steht für Restriction of Hazardous Substances und bezeichnet im EU-Kontext vor allem die Richtlinie 2011/65/EU. Sie ist EU-Produktrecht und legt fest, welche gefährlichen Stoffe in bestimmten Produkten auf dem EU-Markt nur begrenzt enthalten sein dürfen. Sie wirkt damit direkt auf Materialauswahl, Spezifikation und Nachweisführung in der Lieferkette.


Geregelt werden Elektro- und Elektronikgeräte (EEE), also Geräte, die für ihre Funktion elektrische Ströme oder elektromagnetische Felder benötigen. Für die Dichtungstechnik ist entscheidend, dass RoHS nicht nur das komplette Gerät betrachtet. Sie erfasst auch Bauteile, Materialien und Oberflächen innerhalb des EEE. Eine Dichtung, ein O-Ring, eine Formdichtung oder ein Dichtprofil fällt daher unter RoHS, sobald es Bestandteil eines EEE ist, etwa in einem Sensor, einem Aktor oder einem elektrisch angesteuerten Ventil.

In der Praxis heißt das: Wer Dichtungen für EEE entwickelt, einkauft oder freigibt, muss früh klären, wo das Teil später eingesetzt wird, welcher EEE-Kategorie es zugeordnet ist und welche Materialschichten (z. B. Beschichtungen) vorhanden sind. Diese Einordnung bestimmt, ob und wie RoHS-Nachweise geführt werden müssen.

Beschränkte Stoffe und Grenzwerte (je homogenem Material)

RoHS beschränkt zehn Stoffe bzw. Stoffgruppen. Die Grenzwerte gelten je „homogenem Material“ (Definition siehe unten). Für die meisten Stoffe liegt der Grenzwert bei 0,1 Masse-% (1000 ppm). Für Cadmium gilt 0,01 Masse-% (100 ppm). Die vier Phthalate sind in vielen EEE-Kategorien seit 22. Juli 2019 beschränkt und sind deshalb gerade für polymerbasierte Materialien relevant.

Stoff / Stoffgruppe (RoHS) Typischer Grenzwert je homogenem Material
Blei (Pb) 0,1 %
Quecksilber (Hg) 0,1 %
Cadmium (Cd) 0,01 %
Sechswertiges Chrom (Cr(VI)) 0,1 %
Polybromierte Biphenyle (PBB) 0,1 %
Polybromierte Diphenylether (PBDE) 0,1 %
DEHP (Phthalat) 0,1 %
BBP (Phthalat) 0,1 %
DBP (Phthalat) 0,1 %
DIBP (Phthalat) 0,1 %

Was bedeutet „homogenes Material“ in der Dichtungstechnik?

Ein homogenes Material ist ein Werkstoff, der sich mechanisch nicht weiter in unterschiedliche Materialien trennen lässt, etwa durch Schrauben, Schleifen, Abziehen oder Trennen von Schichten. Diese Definition ist für Dichtungen zentral, weil Grenzwerte nicht auf das Gesamtteil „im Mittel“ angewendet werden, sondern auf jede Materialebene einzeln.

Bei einer Dichtung bedeutet das häufig eine Aufteilung in mehrere Prüfeinheiten. Der Dichtungskörper aus Elastomer ist typischerweise ein homogenes Material. Eine Beschichtung, ein Trennmittel, eine Oberflächenbehandlung oder ein Klebstoff gilt dagegen meist als eigenes homogenes Material, wenn es als Schicht vorhanden und mechanisch abtrennbar ist. Genau hier entstehen oft Fehler, weil in Zeichnungen oder Stücklisten „eine Dichtung“ steht, das Bauteil aber aus mehreren RoHS-relevanten Materialschichten besteht.

Phthalate als Weichmacher: Relevanz für Elastomere und Kunststoffe

Phthalate sind Weichmacher, also Additive, die Polymere weicher und flexibler machen können. RoHS bewertet dabei nicht den Werkstoffnamen, sondern die Konzentration im konkreten Compound (Rezeptur). Eine pauschale Aussage wie „EPDM ist RoHS-konform“ ist deshalb fachlich zu grob, denn entscheidend sind Rezeptur, Lieferant und ggf. Schichtsystem.

Für Dichtungen sind nicht nur Weichmacher relevant. Auch Pigmente, Stabilisatoren oder Flammschutzmittel können Eintragsquellen für RoHS-Stoffe sein. Praktisch führt das zu der Frage, welche Rezeptur eingesetzt wird, ob ein Materialwechsel stattgefunden hat und wie Änderungen dokumentiert werden. Gerade bei farbigen Compounds oder bei beschichteten Dichtungen lohnt sich eine gezielte Materialprüfung, wenn die Lieferkette keine belastbaren Daten liefert.

Nachweise und technische Dokumentation (Praxis in der Lieferkette)

RoHS-Konformität wird in der Regel über technische Unterlagen abgesichert. Ein verbreiteter Rahmen dafür ist IEC 63000:2016, die beschreibt, wie Informationen und Nachweise zur Bewertung von RoHS-Stoffbeschränkungen strukturiert gesammelt werden können. Für Dichtungen als Komponenten läuft das meist über dokumentenbasierte Lieferkettennachweise, ergänzt um Prüfungen, wenn das Risiko erhöht ist.

Übliche Nachweisbausteine sind:

  • Materialdeklarationen (Inhaltsstoffe/Materialaufbau, oft auf Rezeptur- oder Werkstoffebene)
  • Lieferantenerklärungen zur RoHS-Konformität
  • Prüfberichte von Laboren, wenn Dokumente nicht ausreichen oder ein Verdacht besteht

Analytisch wird häufig gestuft vorgegangen. XRF (Röntgenfluoreszenz) eignet sich typischerweise als Screening für viele Elemente (z. B. Pb, Cd), liefert aber für Phthalate keine direkte Aussage. Phthalate werden deshalb meist über chemische Analytik bestimmt (z. B. chromatografische Verfahren). In der Praxis ist diese Auswahl oft risikobasiert: Materialklasse, Lieferantenhistorie, Farbgebung, Beschichtungen und Einsatzgebiet bestimmen, wie tief geprüft werden muss.

Abgrenzung zu REACH und typische Fallstricke bei Dichtungen in EEE

RoHS und REACH werden im Alltag oft gemeinsam genannt, haben aber unterschiedliche Rollen. RoHS ist Produktrecht für EEE und setzt Stoffgrenzwerte im Gerät und seinen Bestandteilen. REACH ist Chemikalienrecht mit eigenem Geltungsbereich, eigenen Restriktionen und Informationspflichten. Beide Regelwerke können parallel relevant sein, etwa wenn ein Stoff sowohl unter RoHS beschränkt als auch unter REACH reguliert ist.

In der Dichtungstechnik entstehen RoHS-Themen häufig dort, wo Dichtungen in elektrisch relevanten Baugruppen sitzen, zum Beispiel in Sensoren, Aktoren, elektrisch angesteuerten Ventilen, Steuerungen, Ventilinseln oder Kabeldurchführungen. Das Bauteil wirkt dann mechanisch, ist aber Teil eines EEE und damit im RoHS-Scope.

Typische Fallstricke sind in vielen Projekten wiederkehrend:

  • EEE-Bezug wird zu spät erkannt, weil das Teil als „mechanische Dichtung“ betrachtet wird.
  • Mehrere homogene Materialien werden übersehen, etwa Beschichtung oder Klebstoff auf dem Dichtungskörper.
  • Additive im Compound werden unterschätzt, obwohl die Rezeptur die eigentliche RoHS-Relevanz bestimmt.
  • Änderungen in der Lieferkette (neuer Compound, neues Masterbatch, andere Beschichtung) werden nicht sauber nachdokumentiert, obwohl sie die Stoffbilanz ändern können.

Wenn die Einordnung früh erfolgt und Materialebenen sauber getrennt werden, lässt sich RoHS in der Regel ohne großen Aufwand beherrschen. Bei komplexen Schichtsystemen oder unklarer Rezeptur ist eine spezialisierte Beratung oder gezielte Analytik oft sinnvoll.

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