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    Definition und Abgrenzung

    Der Weiterreißwiderstand (auch Weiterreißfestigkeit, engl. tear resistance / tear strength) beschreibt, wie stark ein Werkstoff ein Weiterwachsen eines bereits vorhandenen Risses unter Zugbelastung hemmt. Gemeint ist also die Phase der Rissfortpflanzung: Ein Anriss, Schnitt oder eine Kerbe ist schon da, und der Werkstoff „wehrt sich“ dagegen, dass dieser Defekt länger wird.


    In der Praxis ist diese Unterscheidung wichtig, weil viele Schäden an Dichtungen nicht mit einem perfekten, unbeschädigten Bauteil starten. Ein kleiner Montageschnitt oder eine Kerbe durch eine Kante kann reichen, damit sich ein Riss unter Betriebslast ausbreitet. Der Kennwert wird vor allem für Elastomere (z. B. NBR, EPDM, FKM) und teilweise für TPE betrachtet, weil diese Werkstoffe häufig in Dichtungen eingesetzt werden und typischerweise große Dehnungen zulassen.

    Was wird gemessen: Rissfortschritt statt Rissbeginn

    Gemessen wird die Kraft, die nötig ist, um einen vorgegebenen Riss in einer Probe kontrolliert weiterlaufen zu lassen. Der Startdefekt ist dabei absichtlich eingebracht, damit alle Proben unter vergleichbaren Bedingungen „mit dem gleichen Riss“ beginnen.

    Physikalisch steckt dahinter, wie viel Energie der Werkstoff nahe der Rissspitze aufnehmen und verteilen kann. Die Rissspitze ist der vorderste Punkt des Risses, an dem Spannungen stark konzentriert werden. Ein hoher Weiterreißwiderstand bedeutet, dass der Werkstoff das Risswachstum effektiv bremst.

    Abgrenzung zu Zugfestigkeit und Bruchdehnung

    Die Zugfestigkeit beschreibt die maximale Spannung, die eine unbeschädigte Probe in der Zugprüfung erreicht. Die Bruchdehnung ist die Dehnung beim Bruch, ebenfalls an einer unbeschädigten Probe. Beide Kennwerte sind für viele Auslegungsfragen hilfreich, doch sie bilden das Verhalten an Kerben nur indirekt ab.

    In der Praxis kann ein Werkstoff zwar hohe Zugfestigkeit zeigen, aber bei einem Anriss dennoch schnell weiterreißen. Umgekehrt kann ein Material bei der Zugfestigkeit unspektakulär sein und trotzdem eine hohe Kerbrobustheit besitzen. Für Dichtungen ist deshalb oft entscheidend, welche Kennwerte zusammen betrachtet werden, statt einen Einzelwert zu überbewerten.

    Prüfprinzip und normative Einordnung (ISO 34-1)

    Für Elastomere wird der Weiterreißwiderstand häufig nach ISO 34-1 ermittelt. Die Prüfung nutzt vorgekerbte Probekörper, die in einer Universalprüfmaschine auseinandergezogen werden. Während der Prüfung wird eine charakteristische Kraft erfasst, die mit der Rissfortpflanzung zusammenhängt.

    Ein Kerndetail für die Vergleichbarkeit ist die Geometrie der Probe. ISO 34-1 definiert mehrere Probekörperformen, die je nach Material und Fragestellung verwendet werden. Das Ergebnis ist deshalb methodenabhängig, und Datenblätter sollten die verwendete Methode nennen.

    Probekörperformen und Methodeneffekt

    ISO 34-1 verwendet u. a. diese Probekörperformen:

    • Hosenprobe (Trouser): Der Riss läuft zwischen zwei „Beinen“ weiter; das erzeugt oft einen stabilen Rissverlauf.
    • Winkelprobe (Angle): Der Riss startet an einer definierten Kerbe; Spannungszustand und Risspfad unterscheiden sich von der Hosenprobe.
    • Halbmondprobe (Crescent): Ebenfalls kerbdefiniert, mit eigener Spannungsverteilung an der Rissspitze.

    Da die Spannungs- und Dehnungsverteilung an der Rissspitze stark von der Geometrie abhängt, können Werte zwischen den Probenformen deutlich variieren. Für eine saubere Materialauswahl zählt daher: gleiche Norm, gleiche Probekörperform, möglichst gleiche Prüfbedingungen.

    Kennwertdarstellung: Einheit, Bezug, Prüfbedingungen

    Der Weiterreißwiderstand wird häufig als Kraft pro Probenbreite angegeben, typischerweise in N/mm oder kN/m. Dadurch lassen sich Proben unterschiedlicher Breite besser vergleichen.

    Für die Interpretation sind meist diese Angaben relevant:

    Angabe im Datenblatt/Prüfbericht Warum sie wichtig ist
    ISO 34-1 (inkl. Probekörperform) Methode beeinflusst den Messwert, Vergleichbarkeit hängt daran.
    Einheit (N/mm oder kN/m) und Bezug Klärt, ob Kraft auf Breite normiert wurde.
    Temperatur Elastomere reagieren stark auf Temperatur; Werte können sich deutlich verschieben.
    Prüfgeschwindigkeit Viskoelastisches Verhalten: schneller Zug kann andere Kräfte ergeben als langsamer Zug.

    Gerade bei Elastomeren sind Temperatur und Prüfgeschwindigkeit oft entscheidend, weil das Material zeit- und temperaturabhängig verformt. Das erklärt, warum scheinbar ähnliche Werkstoffe unter abweichenden Prüfbedingungen unterschiedlich bewertet werden.

    Werkstoff- und Prozessfaktoren: Was den Weiterreißwiderstand beeinflusst

    Der Weiterreißwiderstand hängt davon ab, wie gut ein Werkstoff an der Rissspitze Spannungsspitzen abbaut und Energie in Verformung umsetzt. In der Rezeptur wirken mehrere Stellgrößen zusammen. Füllstoffe (z. B. Ruße oder Silikate) können die Rissausbreitung je nach Art, Menge und Einbindung fördern oder hemmen. Auch der Vernetzungsgrad (Grad der chemischen Vernetzung bei Elastomeren) verändert Steifigkeit und Bruchverhalten und damit das Weiterreißverhalten.

    Alterung spielt ebenfalls hinein. Wärme, Sauerstoff, Ozon oder UV können die Molekülstruktur verändern und die Rissfortpflanzung erleichtern. Hinzu kommt Medienkontakt: Öle, Kraftstoffe oder Wasser-Glykol-Mischungen können Elastomere quellen lassen oder Weichmacher herauslösen. Das verändert lokale Spannungszustände und kann die Rissbeständigkeit verschlechtern oder seltener auch stabilisieren.

    Aus Prozesssicht sind Defekte kritisch. Poren, Einschlüsse, Trennmittelreste oder Bindenahtbereiche wirken als lokale Schwachstellen und können aus einem kleinen Anriss einen schneller wachsenden Riss machen. Deshalb ist der Kennwert nicht nur ein Materialthema, sondern oft auch ein Qualitäts- und Prozessstabilitätsthema.

    Bedeutung in der Dichtungstechnik und Grenzen der Kennzahl

    In der Dichtungstechnik ist der Weiterreißwiderstand besonders dann relevant, wenn Dichtungen im Betrieb Kerben oder Mikroschäden bekommen können. Das passiert häufig bei Montage oder durch Partikel im System. Unter Druck, Relativbewegung und Temperaturwechsel kann ein vorhandener Anriss wachsen, bis die Dichtfunktion ausfällt. Der Kennwert beantwortet dann die praktische Frage: Wie robust ist das Material gegen das Weiterreißen aus einem Defekt heraus?

    Gleichzeitig bleibt es ein Laborkennwert. Eine Normprobe bildet reale Dichtgeometrien nur begrenzt ab. Eine Dichtung hat oft komplexe Spannungszustände, Kontaktpressungen, Quetschungen und lokale Reibung. Deshalb wird der Weiterreißwiderstand sinnvoll als Teil eines Kennwertpakets genutzt, typischerweise zusammen mit Härte, Druckverformungsrest, Abriebverhalten und Medienbeständigkeit.

    Typische Anwendungsszenarien: Kerben, Kanten, Montage

    Bei Dichtungen treten Anrisse oft durch konkrete Situationen auf:

    • Montage: Einbau über Gewinde, scharfe Kanten oder zu geringe Fasen kann kleine Schnitte erzeugen.
    • Kantenkontakt und Spalte: Einbauspalt oder Grat kann eine Kerbe initiieren, die sich unter Belastung vergrößert.
    • Partikel: Schmutz, Metallabrieb oder Kristalle können punktuell einschneiden oder Kerben erzeugen.
    • Zyklische Belastung: Druckwechsel und Bewegung unterstützen Risswachstum, weil der Riss wiederholt geöffnet wird.

    In Hydraulik und Pneumatik ist diese Kette besonders häufig: Ein kleiner Defekt entsteht, der Betrieb liefert die wiederkehrende Belastung, und der Riss wächst schrittweise.

    Interpretationsgrenzen und sinnvolle Nutzung

    ISO-34-1-Werte eignen sich gut, um Werkstoffe zu vergleichen, Chargen zu prüfen oder den Einfluss von Alterung und Medienlagerung zu quantifizieren. Für eine direkte Lebensdauerprognose realer Dichtungen reichen sie oft nicht aus, weil Bauteilgeometrie, Spannungszustand und reale Defektformen abweichen.

    Für die Praxis ist daher sinnvoll, den Kennwert zusammen mit Randbedingungen zu betrachten: Welche Kanten sind im Einbau vorhanden, wie hoch sind Bewegungen und Druckwechsel, welche Temperaturen und Medien liegen an, und welche Defekte sind realistisch? Wo kritische Kerb- oder Partikelbelastung zu erwarten ist, kann ein höherer Weiterreißwiderstand ein relevanter Sicherheitsbaustein sein.

    Bei komplexen Fällen kann eine spezialisierte Werkstoff- und Anwendungsauswertung sinnvoll sein, um Laborwerte sauber auf die Dichtfunktion zu übertragen.

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